Auf der Reise zu meinem inneren Kind – Eine psychedelische Begegnung mit dem Ödipus-Phänomen
- Daniela Zambrana Weymann

- vor 19 Minuten
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Mein Interesse am Thema „Ödipus-Komplex“ wurde während eines Seminars zur Biodynamik bei Mona-Lisa Boyesen geweckt. Dort hörte ich zum ersten Mal einen Gedanken, der mich nicht mehr losließ: Der Ödipus-Komplex sei kein pathologischer Konflikt, sondern vielmehr eine natürliche Phase der Erfüllung.
Das Kind in der Ödipus-Phase (ca. sechs bis acht Jahre alt) fühlt sich mehr zum gegengeschlechtlichen Elternzeit hingezogen. Das ist völlig normal und Teil der Entwicklung. Diese Phase ist dazu da, eine Erfüllung in dieser Liebe zu finden. Sie sollte nicht als Mangel oder etwas Innkorrektes erlebt werden, sondern als ein natürlicher Impuls, die erste Liebe des Gegengeschlechtlichen als vollkommen zu erleben, sodass man in der Weiterentwicklung (Pubertät) die Liebe aus einer Erfüllung heraus und nicht aus einem Mangel heraus sucht und wahrnehmen kann.
Boyesen schreibt in ihrem Artikel Revision des ödipalen Phänomens aus biodynamischer und erogenetischer Sicht : „Die ödipale Liebe ist die erste nicht-symbiotische Romanze. […] Diese Liebeserklärungen sind ein natürlicher Teil der kindlichen Romantik. Idealerweise nehmen die Eltern sie als unschuldigen Ausdruck tiefer Gefühle an, denn diese Schwärmerei ist eine wichtige Quelle für die spätere Beziehungsfähigkeit und reife Identität des Kindes.“*¹
Dieser Gedanke hat mich tief berührt. Er stellte mein bisheriges Verständnis der frühen kindlichen Bindungserfahrungen auf den Kopf.

Meine psychedelische Selbsterfahrung
In meiner eigenen Therapie wollte ich diesem Thema nachspüren. Gemeinsam mit einem Freund, der mich als „Aufsichtsperson“ begleitete, unternahm ich zwei Reisen mit psychedelischer Unterstützung. Die Erfahrung öffnete mir eine Welt, die ich kaum in Worte fassen kann:
Ich fand mich in einer fantastischen Kinderwelt wieder – voller Zuckerwatte, Lollipops, Einhörner, Puppen, Regenbogen und weicher Wölkchen. Alles war bunt, süß und leicht. Ich tauchte in die Perspektive eines Kindes zwischen sechs und acht Jahren ein – mal aus der Sicht eines Mädchens, mal aus der eines Jungen in einer Welt von Superman, Drachen und Schwertern etc..
Zum ersten Mal verstand ich, wie intensiv Kinder in dieser magischen Welt leben – einem Raum des „wishful magic thinking“. Von außen wirkt es vielleicht wie „in der Fantasie versunken“, doch innen fühlt es sich vollkommen real an.
Ein besonders berührender Moment war, als ich meinen Freund bat, mich in den Arm zu nehmen. Plötzlich fühlte ich mich winzig, geborgen, getragen und geerdet – als wäre ich wieder in den starken Armen meines Vaters. Es war, als ob sich ein innerer Kreis schloss.
Von kindlicher Liebe zu erwachender Sexualität
In diesem Zustand der Fülle spürte ich etwas Neues aufsteigen: eine körperliche Erregung. Ich bemerkte, wie sich die geborgene Liebe langsam in etwas anderes verwandelte – in Eros, in eine erwachende Sexualität.
Hier fand ich Boyesens Konzept der Erogenetik wieder: „Eros ist die Liebesquelle unseres Wesens. […] Erogenesis bezeichnet den Zustand innerer Harmonie, wenn sich instinktive Impulse mit den spirituellen Eigenschaften vereinigen.“²
Es war, als ob ich den Übergang von der kindlichen Magie in die Zeit der Pubertät noch einmal durchlebte: erste Verliebtheit, Schüchternheit, Unsicherheit, aber auch die Erinnerungen an Ablehnung und Scham. Es war eine schwere Zeit für mich als Teenagerin. Ich war oft krank, wenig in der Schule, wurde zum Außenseiter und von Mitschülern gemobbt.
In meiner psychedelischen Reise erkannte ich, dass meine Ödipus-Phase nicht von Erfüllung geprägt war, sondern von Mangel. Ich durfte dann aber in dieser Reise auch erleben, wie diese Geschichte in meiner inneren Welt neu geschrieben wurde.
Erkenntnisse für meine therapeutische Arbeit
Diese Reise hat mir tiefe Einsichten geschenkt – nicht nur für mich, sondern auch für meine Arbeit mit Klienten. Ich habe verstanden, wie entscheidend es ist, die kindliche Unschuld und Fantasie zu respektieren. Allzu oft projizieren Erwachsene ihre eigenen Ängste oder sexuellen Befürchtungen auf Kinder und rauben ihnen damit ihre unschuldige Welt. Aussagen der Eltern, wie „Flirte nicht mit Jungs“, „Du bist ein kleiner Casanova“ oder „Erzähl mal von deiner neuen Liebe“ hinterlassen Spuren! Dessen dürfen sich Eltern viel mehr bewusst werden.
Boyesen beschreibt diese Dynamik so: „Die Zurückweisung durch die ödipale Bezugsperson oder ein eventueller Liebesentzug durch den gleichgeschlechtlichen Elternteil ist die grundlegende Problematik, die zum ödipalen Thema gehört. […] Der Komplex gehört zu den Eltern, die ihre Schwierigkeiten auf das Kind übertragen.“³
Diese Worte trafen mein eigenes Erleben ins Herz: Ich erinnere mich an meinen Vater, der mir oft sagte, ich würde „zu viel mit Jungs rumhängen“. Für mich als Kind war das verletzend und vor allem verwirrend. Es übertrug seine eigenen Ängste direkt auf mich – und gab mir das Gefühl, etwas Schmutziges oder Falsches zu tun.
Heute sehe ich klarer: Das Kind selbst trägt keinen Komplex. Der Komplex entsteht aus den ungelösten Themen der Eltern.
Liebe, Prägung und unbewusste Muster
Eine weitere Erkenntnis meiner Reise war, wie tief die frühen Erfahrungen unser unbewusstes Bild von Attraktivität prägen. Ein scheinbar nebensächliches Detail – wie die Venen am Unterarm eines Mannes – kann bis heute beruhigend und attraktiv wirken, weil es mit den frühen Erfahrungen von Geborgenheit beim Vater verbunden ist.
Boyesen fasst dies in ihrer Sprache der Biodynamik so: „Libido ist die schöpferische Kraft, die sowohl unsere Lebensfreude als auch unsere psychosexuelle Entwicklung steuert. Sie ist darauf ausgerichtet, jede dieser Phasen möglichst zu vollenden.“⁴
Fazit: Ein neuer Blick auf das Ödipus-Phänomen
Meine psychedelische Reise hat mir gezeigt, wie sehr das Verständnis von Liebe, Sexualität und Selbstwert in den ersten Entwicklungsphasen geprägt wird.
Boyesens Revision hat mir dabei einen Schlüssel gegeben: „Die kindliche ödipale Liebe ist pur und unschuldig. […] Die Erfüllung der kindlichen Bedürfnisse in dieser Phase ist ein Schlüssel zu unserer eigenen Reife und begünstigt ein gut integriertes und erfülltes Beziehungsleben.“⁵
Ich konnte sehen, wie wichtig es ist, Kindern ihre Fantasiewelt zu lassen, ihre Unschuld zu schützen und sie mit Liebe in die nächste Lebensphase zu begleiten. Für mich persönlich war diese Reise ein Weg zurück zu meinem inneren Kind – und gleichzeitig ein Schritt nach vorn in meinem Erwachsensein.
Darüber hinaus bin ich mit diesem tiefen Verständnis in der Lage, meine Klienten in ihren Beziehungsthemen viel besser zu begleiten.
Quellen
Mona-Lisa Boyesen: Revision des ödipalen Phänomens aus biodynamischer und erogenetischer Sicht. Erschienen in: Körper ‐ Gruppe ‐ Gesellschaft, NeueEntwicklungeninderKörperpsychotherapie; Hsg. Manfred Thielen. Psychosozial-Verlag. Abschnitt „Die ödipale Liebe“.
Ebd., Abschnitt „Die Erogenetik“.
Ebd., Abschnitt „Der Ödipus-Komplex“.
Ebd., Abschnitt „Die Libido“.
Ebd., Abschnitt „Conflirt / Erfüllung der kindlichen Bedürfnisse“.
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